Weiter zum Hauptteil
Menü

Beschwerden beschreiben, bevor man sie deutet

Schmerzen vorn am Knie und an der Kniescheibe

Der Bereich vor dem Knie ist mechanisch stark gefordert. Die Kniescheibe wirkt wie eine Umlenkrolle für die Kraft des Oberschenkels und wird dabei in ihr Gleitlager gedrückt. Beschwerden hier gehören zu den häufigsten Gründen für eine orthopädische Vorstellung.

01

Das Gleitlager der Kniescheibe und seine Belastung

Die Kniescheibe liegt in der Sehne der vorderen Oberschenkelmuskulatur und gleitet bei Beugung und Streckung in einer Rinne am Oberschenkelknochen. Sie vergrößert den Hebel des Muskels und ermöglicht so kraftvolles Strecken. Der Preis dafür ist Druck: Je stärker das Knie gebeugt ist und je mehr Kraft der Muskel aufbringt, desto höher der Anpressdruck zwischen Kniescheibe und Knochen. Beim Treppabgehen, beim Aufstehen aus tiefer Position und beim Bergabgehen erreicht dieser Druck seine höchsten Werte im Alltag. Beim ebenen Gehen bleibt dieser Druck vergleichsweise gering, was erklärt, warum viele Menschen längere Strecken problemlos zurücklegen und dennoch auf einer kurzen Treppe Beschwerden haben.

Die Führung der Kniescheibe hängt nicht nur vom Knie ab. Die Stellung von Hüfte, Oberschenkel und Fuß beeinflusst, wie die Kraft übertragen wird, und die Kraft der Muskulatur bestimmt mit, wie stabil die Bewegung abläuft. Deshalb betrachten Fachleute bei vorderem Knieschmerz üblicherweise das gesamte Bein. Für Sie ist das ein Hinweis darauf, dass eine einzelne Übung oder eine Bandage selten die ganze Antwort ist. Was tatsächlich sinnvoll ist, ergibt sich erst aus einer Untersuchung, die diese Zusammenhänge prüft. Erwähnen Sie deshalb auch Beschwerden an Hüfte, Rücken oder Fuß, selbst wenn sie im Vergleich zum Knie geringfügig erscheinen. Sie gehören zum Bild, das die Untersuchung zusammensetzt.

02

Situationen, in denen vorderer Knieschmerz auffällt

Genannt werden fast immer dieselben Gelegenheiten: Treppen, längeres Sitzen mit gebeugtem Knie, Bergabgehen, Radfahren mit hohem Widerstand und tiefe Kniebeugung. Manche Menschen beschreiben zusätzlich ein Reiben oder Knirschen hinter der Kniescheibe. Der Schmerz wird häufig als dumpf und schwer lokalisierbar geschildert, umschrieben mit einer Handbewegung um die Kniescheibe herum statt mit einem Fingerzeig. Diese Beschreibung ist selbst schon eine Information und unterscheidet sich deutlich von punktförmigen Beschwerden an einer klar benennbaren Stelle. Achten Sie darauf, ob Sie mit dem Finger auf einen Punkt zeigen können oder ob Sie den Bereich umkreisen müssen. Halten Sie außerdem fest, ob der Schmerz eher oberhalb, seitlich oder unterhalb der Kniescheibe wahrgenommen wird.

Prüfen Sie, ob es einen Unterschied zwischen Belastung mit gestrecktem und mit gebeugtem Knie gibt. Ebenes Gehen ist oft unproblematisch, während dieselbe Strecke mit Gefälle Beschwerden auslöst. Halten Sie außerdem fest, ob der Schmerz beidseits auftritt, ob er über den Tag zunimmt und ob nach Belastung eine Schwellung erkennbar ist. Und beachten Sie die Stelle unterhalb der Kniescheibe: Schmerzen direkt am Sehnenansatz oder am oberen Schienbein haben eine andere Charakteristik als Beschwerden hinter der Kniescheibe selbst. Vergleichen Sie außerdem, wie sich ein Fahrrad mit hohem Widerstand von einer lockeren Fahrt unterscheidet. Solche Gegenüberstellungen liefern brauchbare Hinweise, ohne dass Sie etwas ausreizen müssten.

03

Alter und Lebensphase als Teil des Bildes

Vorderer Knieschmerz tritt in allen Altersgruppen auf, aber die Zusammenhänge unterscheiden sich. Bei Jugendlichen in Wachstumsphasen sind Beschwerden am Sehnenansatz unterhalb der Kniescheibe verbreitet, oft in Verbindung mit sprung- und laufintensivem Sport. Bei jungen Erwachsenen stehen häufig Belastungsveränderungen im Vordergrund, etwa ein neuer Sport oder ein Trainingssprung. Im mittleren und höheren Lebensalter kommen Veränderungen der Gelenkflächen als Möglichkeit hinzu. Diese Zuordnung ist eine grobe Orientierung und keine Regel, an der sich etwas festmachen ließe. Auch das Geschlecht, die aktuelle Trainingsphase und hormonelle Umstellungen werden in der Sprechstunde manchmal angesprochen. Keiner dieser Punkte erlaubt für sich genommen einen Rückschluss auf die Ursache Ihrer Beschwerden.

Wichtig ist der Hinweis, dass Bildbefunde und Beschwerden nicht deckungsgleich sind. Bei beschwerdefreien Menschen finden sich in bildgebenden Untersuchungen regelmäßig Veränderungen, die keinerlei Symptome verursachen. Umgekehrt können deutliche Schmerzen bestehen, ohne dass ein Bild eine auffällige Erklärung liefert. Deshalb entscheidet die klinische Beurteilung, ob und wann Bildgebung überhaupt sinnvoll ist. Ein Befund allein, ohne Bezug zu Ihrer Situation, sagt wenig aus – weder im beruhigenden noch im beunruhigenden Sinn. Bitten Sie deshalb darum, dass ein Befund immer im Zusammenhang mit Ihren Beschwerden erklärt wird. Ein Bericht, den Sie ohne Erläuterung lesen, erzeugt häufig mehr Verunsicherung als Klarheit, weil die verwendeten Begriffe dramatischer klingen, als sie gemeint sind.

04

Was Sie mitbringen und wann es dringend wird

Bereiten Sie drei Punkte vor: In welchen konkreten Situationen tritt der Schmerz auf, wie lange besteht er schon, und was hat sich in dieser Zeit an Ihrer Belastung verändert? Ergänzen Sie, ob Sie bereits etwas ausprobiert haben und wie das Knie darauf reagiert hat. Erwähnen Sie frühere Verletzungen, auch wenn sie Jahre zurückliegen, und ob die Kniescheibe schon einmal ausgerenkt war. Solche Angaben werden häufig vergessen, obwohl sie für die Einordnung erheblich sind. Nennen Sie außerdem Ihre Sportarten und beruflichen Anforderungen, weil sie mitbestimmen, welches Ziel realistisch ist. Und schreiben Sie auf, welche Frage Sie am meisten beschäftigt, damit sie im Termin nicht untergeht.

Kurzfristig vorstellen sollten Sie sich, wenn nach einem Sturz auf das Knie starke Schmerzen bestehen, wenn Sie das Bein nicht strecken oder belasten können, wenn sich rasch eine deutliche Schwellung bildet oder wenn die Kniescheibe sichtbar verschoben wirkt. Auch ein blockiertes Gelenk sowie Rötung mit Überwärmung, Fieber oder starkes Krankheitsgefühl erfordern eine unverzügliche Abklärung. Ohne solche Zeichen gilt: Bleiben die Beschwerden über mehrere Wochen bestehen oder schränken sie Ihren Alltag ein, vereinbaren Sie einen Termin, statt auf eine Selbstheilung zu setzen. Warten Sie in diesen Fällen nicht auf einen freien Termin, sondern nutzen Sie den Bereitschaftsdienst oder eine Notaufnahme.